Hauptsache studieren

25. Juni 15

Bevor Hoch- und Fachhochschulen wie Pilze aus dem Boden schossen, war klar: Wer studiert, geht zur Uni. Heute studiert fast jeder und jede irgendwo irgendetwas. Hauptsache einen Bachelor oder Master machen. Doch ist das auch für all die Berufsgruppen, für die das angeboten wird, sinnvoll?

Jede und jeder studiert irgendwo irgendetwas.

Es gibt Berufe, für die ist ein Universitätsstudium unabdingbar. Von einer Ärztin, die ihr Fachwissen und Handwerk nicht an einer Uni gelernt hat, würde ich mich nicht operieren lassen. Wäre ich auf juristische Hilfe angewiesen, möchte ich auch, dass mich jemand vertritt, der das Gesetz in- und auswendig kennt. Da würde es mir nicht reichen, wenn die Ärztin eine Lehre in einem Spital oder der Anwalt eine Ausbildung auf einer Kanzlei gemacht hätte.

Matura als Voraussetzung ist zwiespältig

Bei immer mehr Berufen fragt sich jedoch, ob es wirklich notwendig ist, sich das Wissen an Hoch- und Fachhochschulen anzueignen. Müssen Tanzausbildungen wirklich auf Fachhochschul-Ebene mit einem BA abgeschlossen werden? Oder die Kindergärtnerinnen: Sie brauchen für ihre Arbeit mit kleinen Kindern viel Einfühlungsvermögen, Herzblut, Geduld und Nerven. Bis 2005 konnten Interessierte am Kindergartenseminar eine Aufnahmeprüfung machen. Dabei wurde nicht nur Faktenwissen abgefragt, sondern auch in Gesprächen herausgespürt, ob sich die Bewerberinnen für den Beruf eignen. Wer heute Kindergärtnerin werden möchte, braucht eine Matura und muss die Pädagogische Hochschule durchlaufen. Faktenwissen wird somit stärker gewichtet als früher. Bringt jemand die perfekten Eigenschaften für den Beruf mit, ist aber in naturwissenschaftlichen Fächern schwach, kann dies zu einem Problem werden.

Ähnlich klingende Titel

Die einen werden zu Abschlüssen mit höheren Anforderungen gezwungen, andere wünschen sie sich. Oder jedenfalls die Titel, die es dafür gibt. Zum Thema höhere Berufsbildung hat der Kaufmännische Verband Schweiz 2014 die Absolventen befragt. Von den 4000 Personen, die eine Weiterbildung gemacht und an der Befragung teilgenommen haben, finden 43 Prozent, dass in der Berufsbildung akademische Titel eingeführt werden sollten. 25 Prozent lehnen dies ab. Spannend ist, dass vor allem Absolvierende der Höheren Fachschulen (HF) finden, dass akademische Titel ihre Situation verbessern würden. Bei der Frage nach ähnlich klingenden Titeln scheint es durchaus auch um Prestige, Ansehen und Selbstverständnis zu gehen. Doch: Nur weil jemand 25 bis 30 Stunden gelesen oder geschrieben hat, heisst das noch lange nicht, dass dies ein ECTS-Punkt wert ist und zu einem Abschluss berechtigt, der klingt, als wenn er an einer Uni erarbeitet worden wäre.

Teuer ist das Studentenleben

Studieren ist nicht nur anspruchsvoll sondern auch teuer. Laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) kostet ein Student durchschnittlich 35’000 Franken. Pro Jahr. Bei einem fünfjährigen Studium sind das 175’000 Franken. Die Studierenden selbst – oder ihre Eltern – bezahlen über die Studiengebühren knapp fünf Prozent selbst. Angesichts dieser Zahlen ein Klacks. Heute gibt es an den Universitäten rund 130’000 Studierende. Das sind doppelt so viele wie noch vor 30 Jahren. Hinzu kommen 75’000 Studierende an Fachhochschulen. Etwa 34 Prozent der Studierenden verlassen laut dem BFS in der Schweiz die Uni ohne Abschluss, an den Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen sind es etwa 20 Prozent. Das Bologna-Reform-Ziel, die Abbrecherquote zu senken, wurde, wie so viele andere Bologna-Reform-Ziele, verfehlt. Wenn die Studien-Zulassungsbedingungen strikter wären und nicht jede und jeder irgendwo irgendetwas studieren könnte, wären die Studierendenzahlen und die Studienabbruchrate tiefer und die Staatskasse würde nicht unnötig belastet.

 

Es muss nicht immer ein Bachelor sein

Der hohen Studienabbruchrate könnte auf verschiedene Weisen entgegengewirkt werden. Dabei ist wichtig, dass das Niveau an den Schulen und Gymnasien erneut auf den Level von etwa 1995 steigt. Denn zahlreiche Reformen, neue Schulfächer aber auch die Migration haben zu einem Niveauverlust geführt. Dies hat zur Folge, dass mittlerweile bereits für eine Lehre im Verkauf ein Sekundarschulabschluss Niveau B verlangt wird. Wäre das Niveau an Schulen und Gymnasien wieder höher, bekämen Berufslehren erneut mehr Ansehen und die allgemeine Studierfähigkeit an Unis und Hochschulen wäre wieder besser gewährleistet. Und: Es muss nicht immer ein Bachelor sein. Handwerker haben sehr gute Berufschancen und verdienen teilweise mehr als Akademiker. Ein Maurer, der dem Gesamtarbeitsvertrag unterstellt ist, verdient in der Region Zürich nach der Lehre mindestens 5600 Franken. Ein ungelernter Maurer käme immerhin auf 4500 Franken. Also sicher mehr als jemand mit einem BA in Tanz. Und wahrscheinlich auch mehr, als so mancher mit einem «phil.» im Abschluss. Ein «phil.» ist eben kein «viel».

Momentan ist es, wie es ist: Aus dem Bologna-Prozess können wir uns nicht mehr ausklinken. Dennoch bleibt zu hoffen, dass das Niveau an Schulen wieder steigt und die Berufslehren dadurch so attraktiv werden, wie sie einmal waren. Zudem wäre es schön, wenn es für Berufe, bei denen Qualitäten wichtig sind, über die ein Maturazeugnis nichts aussagt, es auch kein solches braucht. Und last but not least müssen das Selbstverständnis für die Anzahl Stunden, die jemand in eine Ausbildung investiert relativiert und akademische Titel geschützt werden. Oder möchten Sie, dass Ihre Coiffeuse bald einen Doktortitel braucht und Ihr Haarschnitt das zehnfache kostet?