Immer früher digital

01. April 15

Digital Natives. Man hört und liest viel über sie. Man sieht sie auf den Gehsteigen, im Bus und in der Migros. Sie einen jedoch nicht. Ihr Blick ist auch beim Gehen oft auf den Bildschirm gerichtet. Müssen bereits Kinder mit Smartphones, Tablets und Computern umgehen können? Über Sinn und Unsinn eines nicht mehr ganz neuen Phänomens.

Foto Flickr

Als ich mein erstes Mobiltelefon geschenkt bekam war ich 21. Das Telefon war ein klobiges, schwarz-blaues Gerät mit Gummitastatur und kleiner Antenne. Hätte ich das Telefon nicht geschenkt bekommen, wären wohl noch Monate, wenn nicht Jahre ins Land gezogen, bis ich die Notwendigkeit verspürt hätte, mir so ein Kommunikationsmittel zuzutun. Viel mehr als telefonieren und grün-schwarze Kurznachrichten schreiben, konnten die Natels damals ja noch nicht. 

WhatsApp zum Hausaufgaben machen
Wer heute auf dem Pausenplatz einer Schule steht, merkt schnell, dass die Jugendlichen, die kein Mobiltelefon haben, in der Minderheit sind. Laut einer Studie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (zhaw), die im April 2012 veröffentlicht wurde, haben 94,1 Prozent der 12-/13-Jährigen ein Natel, bei 18-/19-Jährigen sind es 99,6 Prozent. Im Schnitt bekommen die Jugendlichen ihr Mobiltelefon mit etwa elf Jahren. Doch auch von den Sechs- bis Elfjährigen haben immer mehr ein portables Telefon, bei den 3./4.-Klässlern ist es fast jeder Zweite. Und dies, obwohl das Gerät in den Schulzimmern abgestellt sein muss. Wozu es wohl dient? Sollen die Kinder Mama anrufen, wenn sie jemand vom Kickboard geschubst hat oder Papa benachrichtigen, dass sie den Bus verpasst haben und zehn Minuten später nach Hause kommen? 

Weit verbreitet ist das Argument, dass Kinder und Jugendliche den Anschluss an ihre Peer-Groups verpassen, wenn sie kein Smartphone haben und somit nicht per WhatsApp erfahren, wann sich die Gruppe «Skater» auf dem Schulhausplatz trifft oder ohne Klassen-Chat kaum mehr allein die Hausaufgaben lösen können. Ich fände es bedenklich, wenn es eine Begleiterscheinung der Smartphones wäre, dass gewisse Kinder und Jugendliche verlernt oder nie gelernt haben, wie man in der analogen Welt Kontakte knüpft und Treffen vereinbart.

3-6-9-12-Regel als sinnvoller Richtwert
Natürlich: Die Welt verändert sich, neue Technologien kommen hinzu und ersetzen alte. Ich kenne zum Beispiel niemanden, der den Schreibmaschinen nachtrauert, seit es Computer gibt. Und dass es immer wieder Neuerungen gibt, die von der Generation, die bestens ohne diese Neuerungen ausgekommen ist, in Frage gestellt werden, ist auch nicht neu. Als die ersten Eisenbahnen auch Menschen von A nach B brachten und somit eine neue Dimension im Tourismus eröffneten, klagten viele Fahrgäste über negative Reise-Begleiterscheinungen wie Schwindel – und das bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von rund 30 Stundenkilometern. 

Mit Jahrgang 1980 gehöre ich je nach Definition noch knapp zu den Digital Natives. Mein klobiges Natel mit Gummitastatur und seine etwa drei Nachfolger sind einem Smartphone aus der älteren iPhone-Generation gewichen, ich lese die Zeitung aus praktischen Gründen auf dem iPad und könnte mir viele Arbeiten ohne Computer kaum mehr vorstellen. Dennoch glaube ich, dass Kinder nicht zu früh mit der digitalen Welt in Berührung kommen sollten. Ein sinnvoller Richtwert scheint die 3-6-9-12-Regel zu sein: Kein Bildschirm unter drei, keine eigene Spielkonsole vor sechs, kein Internet vor neun und kein unbeaufsichtigtes Internet vor zwölf Jahren. Denn wer über ein solides Fundament an Erfahrungen aus der analogen Welt verfügt, sich viel in der Natur bewegt und mit Gleichaltrigen Spiele aus der Zeit vor der Digitalisierung spielt, wird später kaum Probleme haben, wenn es darum geht, Arbeiten am Computer zu erledigen oder sich zu vernetzen. Schliesslich sind auch Super-IT-Cracks wie Steve Jobs oder Bill Gates ohne Computer und Co. aufgewachsen, weil es diese damals schlicht noch nicht gab.