Warum Franz Kafka als Texter scheitern würde

16. September 15

Eigentlich ist das Schreiben im Internet nichts Kompliziertes. Allerdings ist in den vergangenen Jahren rund um SEO eine absurde Wissenschaft entstanden, die statt den Inhalt die Technik in den Vordergrund stellt. Alles Blödsinn. Wir zeigen, wie es einfach und deshalb gut geht.

«Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.» So beginnt der Roman «Der Prozess» von Franz Kafka. Eigentlich ist es ein ganz gewöhnlicher Satz. Ein Krimi könnte so beginnen. Aber dieser Satz ist mehr. Er zieht den Leser bereits mit den ersten 19 Worten tief in die Welt von Josef K. hinein. Dieser wehrt sich den ganzen Roman lang – auf vierhundert Seiten – gegen seinen Prozess. Und verliert sich gleichzeitig immer tiefer darin. Es ist ein zeitloser Satz, ein genialer Satz. Und er besteht aus ganz alltäglichen Wörtern. Was ist ein guter Text? Diese Frage lässt sich nicht leicht beantworten. Jeder Text steht in einem anderen Kontext, hat andere Leser und verfolgt eine andere Absicht. Ich möchte es dennoch versuchen. Ein guter Text ist für mich einfach und verständlich geschrieben, er folgt einem präzisen Plan, regt zum Denken an und lässt uns staunen. Dazu braucht es handwerkliches Geschick, Intelligenz, Gefühl für Sprache und die Disziplin, mit den Worten zu ringen, bis sie genau am richtigen Ort stehen. Franz Kafka war ein Meister darin – und er kann für uns Texter auch heute noch ein grandioses Vorbild sein.

«Money Key Words» und anderer Blödsinn

Als Schriftsteller würde er uns auch heute noch erschüttern, verblüffen und schmunzeln lassen. Ob allerdings Franz Kafka heute als Texter Erfolg haben würde, das ist zu bezweifeln. Heute dreht sich alles um das Ranking bei Google im Internet. Somit steht nicht mehr der «gute Text» im Zentrum. Es geht darum, «SEO optimierte Texte zu schreiben, die auf relevante Money Key Words zielen und Phrasen um profitsteigernde Rankings nachhaltig zu optimieren». Solcher Blödsinn findet sich auf Webseiten gewisser Textagenturen. Diese wollen ihre Auftraggeber verwirren oder noch schlimmer, sie glauben dieses Geschwurbel. Von Seiten der Unternehmen sieht es nicht besser aus. Es werden bei Offerten semantische Texte verlangt (was schon als Begriff unlogisch ist) und die Optimierung von Keywords. Ausserdem darf ein Text nicht länger als 200 bis 300 Worte sein. Inhalt und Stil sind nur am Rande ein Thema. Mit Verlauf, liebe Auftraggeber in den Unternehmen, auch dies ist Blödsinn.

Das Wichtigste an den Anfang

Eigentlich hat sich nämlich gar nichts verändert. Auch hundert Jahre nach dem Prozess, bleibt dessen erster Satz zeitlos gut. Schauen wir ihn genauer an. «Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.» Kafka erzählt das Wichtigste gleich am Anfang. Mit diesem einen Satz ist die folgende Geschichte bereits fast erzählt. Ein eiliger Leser, könnte das Buch also bereits zur Seite legen. Gleichzeitig macht dieser Einstieg aber Lust auf mehr. Von wem wurde Josef K. verleugnet? Was ist das Böse, das er nicht getan hat? Und wer verhaftet ihn eines Morgens? Aber nicht nur der Inhalt überzeugt, auch die Sprache. Dieser Satz ist ein eigentliches Drama in drei Akten. Nach einer Verleumdung von Josef K. folgt das Leitmotiv des Bösen, das aber auch auf den folgenden 400 Seiten nie wirklich greifbar wird, und dies führt zu einer willkürlichen Verhaftung «eines Morgens».

Was können wir daraus lernen?

1. Ein guter Text ist ein guter Text. Beim Schreiben (auch im Internet) muss man etwas zu sagen haben. Dazu braucht es interessanten und relevanten Inhalt.

2. Das Wichtige gehört an den Anfang. Der erste Satz ist entscheidend – das lernt jeder angehende Journalist in der ersten Woche. Deshalb ist eine gute Struktur mit Titel, Lead und Text wichtig.

3. Kein Wort zu viel, keines zu wenig. Kafka schafft mit 19 Worten ein Universum – und er bleibt dabei doch äusserst klar und präzise.

4. Lust auf mehr. Auf einer zweiten Ebene weckt dieser Satz viele Fragen. Wer sie beantwortet haben möchte, muss die weiteren 400 Seiten lesen.

5. Einfachheit ist immer gut. Schreiben Sie einen Text so, wie Sie diesen ihrer Grossmutter erzählen würden, kurz bevor diese auf den Zug muss.

Mit gesundem Menschenverstand

Aber was hat das alles mit SEO-Texten, Suchmaschinenoptimierung und Keywords für Google zu tun? Sehr viel. Ein gut geschriebener Text nach obigen Kriterien wird automatisch auch bei Google hoch eingestuft werden. Die Leute von Google sind clever. Ihre Suchalgorithmen sind im Bezug auf Texte ganz ähnlich wie unser gesunder Menschenverstand. Sie sagen «No Bullshit». Wenn Ihnen also nächstes Mal jemand etwas von semantischem Texten und relevanten «Money Key Words» erzählen will, dann antworten Sie ihm «Blödsinn». Oder geben sie ihm ein gutes Buch zum Lesen. Ich empfehle Ihnen den Prozess von Franz Kafka.