Biergespräch mit Tyler Brûlé

Tyler Brûlé ist Inhaber der Agentur Winkreative, Herausgeber des Magazins «Monocle» und Kolumnist für die «International Herald Tribune». Als Mitglied der transnationalen Elite ist er auf der ganzen Welt zu Hause, am meisten Zeit verbringt der gebürtige Kanadier in Grossbritannien, Schweden und der Schweiz.

Wann gönnt sich Tyler Brûlé ein Bier?
Nie.

Sie trinken kein Bier?
Nein. Ich bin kein Biermensch. Ich trinke Wein.

Das ist aber ein Biergespräch. Also reden wir über Bier. Mochten Sie es noch nie oder hat sich das so entwickelt?
Als kleiner Knirps genoss ich es, vom Bierschaum meiner Eltern zu probieren. Danach hat mich das Getränk nicht mehr gross interessiert.

Besuchen Sie auch keine Bars?
Doch, natürlich. Ausser in London.

Was haben Sie an Londoner Bars auszusetzen?
London hat keine besonders gute Barkultur. Ein Pub ist keine Bar. In einer Bar erwarte ich ein gewisses Niveau, ich erwarte, am Tisch bedient zu werden. Diesbezüglich hinkt London anderen Weltstädten weit hinterher.

Wo gibt es die besten Bars der Welt?
In Tokio. Da gibt es viele kleine Bars, in denen man sich wie zu Hause fühlt. Das Entscheidende ist aber, mit wie viel Aufmerksamkeit und Feingefühl man umsorgt wird. Das ist eine Kunst, und in Japan beherrscht man die perfekt. Man fühlt sich als Gast sehr respektiert.

Gibt es eine Schweizer Bar, die Sie besonders gerne mögen?
Ja, die Kronenhalle-Bar in Zürich. Da ist es zu jeder Jahreszeit sehr gemütlich, die Architektur und das Design sind toll und man versucht nicht, trendy zu sein. Ich mag Orte, die sich nicht verändert haben, wenn man sie zehn Jahre später wieder besucht.

Eine Schweizer Charaktereigenschaft, die viele als existenzbedrohend beurteilen.
Das hat schon was. Die Schweiz liebt den Komfort, das Neinsagen, den Status Quo. Das widerspiegelt sich in dieser «Auf-der-Kantonalbank-ist-mein-Geld-sicher-Mentalität», die man oft antrifft. Aber ich bin überzeugt, dass die Schweiz diese Herausforderung auf die Reihe kriegen wird.

Wie?
Man muss den hohen Wohlstand, der in der Schweiz herrscht, als Chance wahrnehmen. Die Leute sollen kreativ sein, Dinge ausprobieren. Die Schweiz sollte auf innovative, kleine Firmen setzen, die einen hohen Qualitätsstandard bieten. In der Uhrenbranche gibt es solche Firmen, in der Bekleidungs- und Möbelindustrie ebenfalls. Auch hier kann Japan als Vorbild dienen. Ich war kürzlich bei einem Möbelhaus in Osaka zu Besuch, da waren das Designstudio, die Produktionsabteilung, der Laden und der Showroom in einem einzigen Raum untergebracht. Ein fantastisches, sehr luxuriöses Erlebnis für den Kunden.

Ein gutes Stichwort. Was ist Luxus für Sie?
Luxus... Ein überstrapazierter Begriff. Heutzutage meint man, alles luxuriös gestalten zu müssen, vom Spitalaufenthalt bis zur persönlichen Terminplanung. Das geht mir zu weit. Für mich können nur Produkte und Dienstleistungen luxuriös sein. Dieses Möbelhaus in Osaka - das ist Luxus.

Sie reden von Japan, als wäre es gleich um die Ecke. Ist das der «transnationale Lifestyle», den Sie in «Monocle» beschreiben?
Absolut. Nehmen Sie irgendeine Grossstadt in Europa. Da werden Sie Deutsche und Dänen und Polen finden, die dort arbeiten, übers Wochenende aber nach London fliegen oder nach Spanien. Die Billigflieger haben das möglich gemacht. Viele Menschen leben nicht nur an einem Ort auf der Welt, sondern an mehreren gleichzeitig.

Werden sich die Menschen dadurch ähnlicher?
Ich denke schon. Ich verstehe zum Beispiel nicht, warum Audi in zehn verschiedenen europäischen Ländern zehn unterschiedliche Werbekampagnen schaltet. Der schwedische Autofahrer unterscheidet sich nicht gross vom Schweizer Autofahrer.

Kommen wir zum Schluss noch einmal aufs Bier zu sprechen. Es ist jetzt kurz nach Fünf. Wartet man in Ihrer Agentur vergeblich auf ein Feierabendbier?
Nein, das gibt es auch bei uns. Aber wir haben extra eine Alkoholregel aufgestellt.

Die da lautet?
Getrunken wird erst nach halb sieben. Was, ist egal.

© Hadorn Lukas / BoleroMen; 01.12.2007; Nummer 3; Seite 138