Der Beginn einer Freundschaft: Der Russe und die Implenia

Das grosse Aktienpaket des Hedgefonds Laxey Capital Partner an der Baufirma Implenia ist auf dem Markt. Oleg Deripaska soll ein Interessent sein. Kauft sich der nächste Russe bei einem Schweizer Unternehmen ein? Wer ist er?

Von Bruno Affentranger und Marc Lustenberger

Die Implenia hat eine Grossaktionärin, die mit ihrem Anteilspaket auf Brautschau ist. Der Londoner Hedgefonds Laxey, der ausgewiesene 22,89 Prozent an der Implenia hält, hat über seine Mittlerin, die Zürcher Bank am Bellevue von Martin Bisang, potenzielle Kaufinteressen prüfen lassen. Die österreichische Strabag, die deutsche Hochtief und andere mehr hatten das Dossier auf ihren Tischen. Das bestätigen Verwaltungsräte im inoffiziellen Gespräch, doch sowohl die Laxey wie auch die Bank am Bellevue schweigen dazu. Roger Bühler von der Laxey lässt nur ausrichten, dass «gegenwärtig keine Verkaufsverhandlungen» stattfinden. Doch dies schliesst eine Marktevaluation nicht aus.

Eine der wichtigsten Dossieradressatinnen ist die Basic Element des Russen Oleg Deripaska. Dies gleich in mehrfacher Hinsicht. Deripaska hält seit einem Überraschungscoup im Mai rund 30 Prozent an der Strabag sowie 9,9 Prozent an der Hochtief nach einem Aufstocken seiner Anteile vor wenigen Wochen. Deripaska ist der vermögendste Russe, der unbekannte Riese unter den sogenannten Oligarchen, zu denen auch Geschäftspartner Viktor Vekselberg zählt, der mit seiner Renova in Zürich für Furore sorgt. Deripaska kauft Baufirmen, die auf dem Markt sind. Für die Schweiz wird es Zeit, sich mit dem neuen Russen zu beschäftigen.

Wer den öffentlichkeitsscheuen, schlaksigen Deripaska je getroffen hat, weiss: Er hat das Gesicht eines zu gross geratenen Jungen, der stets ein wenig erstaunt diese wunderliche Welt betrachtet. Sanft sind seine Züge. Er wirkt innerlich leicht zurückgelehnt und teilnahmslos und beobachtet Gesellschaften vom Rande her. Doch man lasse sich nicht täuschen: Wenn er sich bewegt, wird er körperlich merklich noch grösser, und eine aggressive Energie steigt an die Oberfläche. Die Zurückhaltung macht einem forschen Vorgehen Platz, das durchaus Emotionen freisetzt, aber kurzzeitig aufkommenden Humor oder Ausschweifungen erstickt.

Oleg Deripaska ist der trockene und streng rationale Aufsteiger unter den Wirtschaftsführern. Er ist gehärtet im Wettstreit um Russlands Rohstoffe. Mit 39 Jahren einer der Jüngsten unter den russischen Oligarchen, ist Deripaska heute ihr erster Sprecher, der sich nach Anfangsschwierigkeiten mit Präsident Vladimir Putin gefunden hat, sich aber weiterhin nicht vor Kritik am machtvollen Kremlchef scheut. Der in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsene Multimilliardär ist der Reichste unter den russischen Reichen, ein ebenso gefürchteter wie verachteter Leader. Zu frisch sind die Erinnerungen an die Neunzigerjahre, als die Oligarchen ihre ersten Vermögen mit Privatisierungszertifikaten machten und von der Naivität der Bevölkerung profitierten, die von kapitalistischen Mechanismen keine Ahnung hatte. Zu bekannt ist Deripaska als der aggressive Einkäufer von Aluminiumhütten, die meist in mafiös organisierten Lokalstrukturen eingebunden waren.

Deripaska regiert heute als Verwaltungsratspräsident und Mehrheitseigner über die Moskauer Holding Basowy Element. Geld verdienen und mehren heisst das Fundament, auf dem das Streben Deripaskas gründet. 240 000 Menschen sind bei ihm unter Vertrag, mehr als 26 Milliarden Franken Umsatz macht das Konglomerat. Es ist ein eigenartiges Unternehmen, das Deripaska gezimmert hat. Dazu zählen ein 66-Prozent-Anteil am weltgrössten Aluminiumproduzenten Rusal, der bereits im kommenden November an die Londoner Börse geht, oder die Nummer 2 unter den russischen Autoherstellern, die GAZ in Nischni Nowgorod, nicht weit vom unwirtlichen Industrieort Dserschinsk entfernt, wo Deripaska zur Welt kam. Des Weitern hat er eine Flugzeugherstellerin (Aviacor), eine Versicherung (Ingosstrakh), einen Pressevertrieb (Rospetschat) und einen Baukonzern (Raswitije) in seinem Portfolio.

Seit Kurzem ist Deripaska auch im Westen bekannt. Innerhalb eines Monats hat er Anteile an Hochtief und Strabag im Baubereich, am kanadischen Autozulieferer Magna International und die britische LKW-Herstellerin LDV akquiriert. Allein die ersten drei Deals kosteten die Kleinigkeit von rund 5 Milliarden Franken. Diese Woche geht das nächste Geschäft über die Bühne: Vom rumänischen Staat wird Basic Element die Autofabrik Automobile Craiova SA erwerben, ein vormals zu Daewoo gehörendes Werk.

Das Implenia-Paket wäre für Oleg Deripaska im Gesamtbild ein Klacks. Mit geschätzten 200 Millionen Franken wäre er dabei. Zur Kenntnis nehmen könnte er den Schweizer Markteintritt danach zurückgezogen, wie er es liebt. Auf seiner 72,5 Meter langen Privatjacht «Queen K» vor der englischen Küste Southamptons.



«Ich sehe darin nichts Negatives»

Swissmetal-Chef Martin Hellweg über russische Investoren und Hedgefonds wie Laxey im eigenen Aktionariat.

CASH: Herr Hellweg, was halten Sie von den Aktivitäten des russischen Financiers Viktor Vekselberg?

Martin Hellweg: Ich glaube, wir sind hier Zeugen eines ganz normalen Prozesses. Es etablieren sich neue Netzwerke in der Schweiz, Investorengruppen mit sehr viel finanzieller Kraft, und diese verändern naturgemäss die bestehenden Konstrukte. Das mag die eine oder andere allergische Reaktion bei den etablierten industriellen Kräften auslösen. Ich kann darin aber nichts Negatives entdecken. Und wo ist der Beweis dafür, dass es Unternehmen mit diesen neuen Kräften an Bord schlechter gehen würde?

Was sagen Ihre Kollegen im losen Verein der Industriellen dazu?

Ich habe keine vereinsähnlichen oder sonst wie organisierten Kontakte zu anderen Industriellen in dieser Sache.

Das müssen Sie sagen, weil Ihre grösste Einzelaktionärin, die Laxey, selbst zu den viel Gescholtenen gehört.

Ich messe an dem, was ich selbst sehe. Laxey hat sich bisher bei Swissmetal sehr konstruktiv verhalten und uns in einer entscheidenden unternehmerischen Phase begleitet. Ich finde es aber auch grundsätzlich anstössig, wenn man sich als Management gegen Eigentümer verbünden würde. Und so pflege ich natürlich den üblichen Gedankenaustausch zwischen Kollegen, aber in einer organisierten Form fand das entgegen anderslautenden Behauptungen nie statt.

Der Hedgefonds Laxey will schnell viel Geld mit Ihrem Unternehmen machen und wird sicherlich bald wieder verkaufen. Beunruhigt Sie das nicht?

Laxey hat klare Erwartungen an uns, die uns auch bekannt sind. Sie will eine Wertsteigerung sehen. Das ist ein legitimes Recht. Ich weiss auch, dass dies eine Beziehung auf Zeit ist.

Lässt Sie das vollkommen kalt?

Warum nicht? Wir bringen als Management unsere beste Leistung. Die Eigentümerschaft bildet sich selbst, es ist nicht unsere Aufgabe, das zu steuern oder zwischen guten und schlechten Eigentümern zu unterscheiden.

Im Fall Saurer hat die Laxey, obwohl anderes versprochen, abrupt das Aktienpaket an die Oerlikon weitergereicht und alle überrascht.

Ich kenne den Fall nur aus den Medien. Ich kann dem Schritt auf Basis meines Kenntnisstands eine industrielle Logik nicht absprechen. Man kann über industrielle Konzepte streiten. Manche können der Vision einer europäischen GE etwas abgewinnen.

Das kann man auch anders sehen.

Ich weiss. Fakt ist, dass ein Hedgefonds als Eigentümer für ein schmusig wohl eingerichtetes Management sicherlich keine Idealvorstellung ist. Die Geduld eines solchen Investors, notwendige Veränderungen zu sehen, ist sicherlich begrenzt. Aber warum kann man das Ganze nicht auch positiv sehen? Wenn der Einstieg eines Private-Equity- oder Hedgefonds gute Ideen bringt, notwendige Veränderungen auslöst und auf der Basis eine höhere Bewertung des Unternehmens erzielt werden kann, ist das doch nicht schlecht.

Die Vision einer europäischen GE ist doch nichts als eine Marketingidee.

Es ist nicht an mir, das zu beurteilen. Ich bin für Swissmetal verantwortlich. Wir konnten mit unserem Grossaktionär für das Unternehmen wichtige Initiativen durchführen, so unser grosses Investment in die Modernisierung unserer Schweizer Werke.

Wie gross sind diese Investitionen?

 Unser Plan für den industriellen Umbau sieht Investitionen über fünf Jahre von etwa 75 Millionen Franken vor. Wir wollen damit den gesunden Kern des Unternehmens stärken. Roger Bühler von Laxey hat sich im Verwaltungsrat immer konstruktiv und engagiert in die Diskussion eingebracht.

Der Hedgefonds Laxey treibt Swissmetal in einen Schrumpfungsprozess - und bezahlen muss dies der Arbeiter.

So ist es genau nicht. Unsere Strategie stammt aus der Feder des Managements. Laxey kam erst später als aktiver Partner hinzu, trägt die Strategie aber mit.

Wie viel Personal werden Sie noch abbauen?

Die im November 2005 verkündete Zahl war ein Abbau von ungefähr 150 Stellen. Dies wird gerade konkretisiert. Die intensive Phase des Umbaus wird in den nächsten 18 Monaten stattfinden.

«Es ist nicht unsere Aufgabe, zwischen guten und schlechten Eigentümern zu unterscheiden.»

EBK will im Ausland Auskunft über Laxey

Die Bankenkommission wühlt an der Bahnhofstrasse. Sie untersucht die jüngsten Firmenübernahmen.

Den Startschuss hatte die Eidgenössische Bankenkommission (EBK) gegeben, als sie zu früher Stunde drei Banken in Zürich einen Besuch abstattete und kistenweise Ordner, Papiere und Computer beschlagnahmte. Zusammen mit Dutzenden Spezialisten der Revisionsgesellschaft KPMG prüft sie seither das Material Tag für Tag vor Ort und befragt die Mitarbeiter der betroffenen Abteilungen in Einzelgesprächen über die konkrete Abwicklung ihrer dubiosen Deals.

Die EBK untersucht, ob beim Angriff auf Sulzer die Meldepflichten verletzt worden sind. Der russische Investor Viktor Vekselberg hatte im April zusammen mit den Wiener Finanzkünstlern Georg Stumpf und Ronny Pecik praktisch über Nacht ein Paket von 30 Prozent an Sulzer aufgebaut. Mithilfe der Deutschen Bank, der Zürcher Kantonalbank und der Neuen Zürcher Bank sollen sie sämtliche Meldepflichten umgangen haben.

Dies soll in Zukunft nicht mehr so einfach möglich sein. Den EBK-Aktivitäten im Fall Sulzer dürften weitere folgen: Weil viele dieser Geschäfte mit Cash-Settlement-Optionen getätigt wurden, unterstehen diese ab dem 1. Juli der Meldepflicht. Im Fall Implenia, wo der Hedgefonds Laxey ebenfalls unter zweifelhaften Umständen seine Beteiligung aufgebaut hat, wurde ein Amtshilfegesuch an die ausländischen Aufsichtsbehörden lanciert.

Doch auch von einer anderen Seite her wird Druck aufgesetzt. Noch diese Woche dürfte der Ständerat grünes Licht geben für eine Verschärfung der Offenlegungspflicht im Börsengesetz. Die Meldepflicht wird neu auf 3 statt bisher 5 Prozent festgelegt, ausserdem sollen Aktien und Optionen addiert werden. Als Knüppel zwischen die Beine der findigen Finanzinvestoren soll jedoch eine andere Massnahme dienen. «Wir schlagen vor, dass bei Missbräuchen der Meldepflicht eine Suspendierung des Stimmrechts von bis zu fünf Jahren möglich ist», erklärt Hannes Germann, Präsident der ständerätlichen Wirtschaftskommission. Diese Suspendierung soll von Klägern auf dem zivilrechtlichen Weg erwirkt werden. Der SVP-Politiker aus dem Kanton Schaffhausen hält nicht viel von der Idee des Nationalrates, fehlbare Investoren mit Bussen von bis zu 20 Millionen Franken in die Schranken zu weisen. «Wir wollen keinen Ablasshandel. Man soll sich Unrecht nicht mit dem Zahlen einer Busse erkaufen können. Wir wollen klare gesetzliche Schranken», sagt Germann. Wer Gefahr laufe, das Stimmrecht zu verlieren, so die Überzeugung des Ständerates, werde sich in Zukunft gründlich überlegen müssen, heimliche Attacken auf Schweizer Firmen auszuführen.

Diese Minimalvariante dürfte den Weg durch die politischen Mühlen schaffen und im Herbst in Kraft treten. Doch nicht allen geht die vorgeschlagene gesetzliche Regelung weit genug. «Es ist zwar ein Schritt auf dem richtigen Weg, es wäre jedoch mehr möglich und notwendig», sagt Marcel Aellen von der EBK. Er hätte es begrüsst, wenn seine Aufsichtsbehörde mehr Kompetenzen erhalten hätte. «Bei Missbrauchsfällen ist ein schnelles Einschreiten entscheidend. Mit Zivilklagen, wie sie der Ständerat vorschlägt, ist dies nicht möglich.»

Auch in der Industrie werden bereits Vorbehalte laut. «Ein Aktienpaket kann ohne Mühe an jemanden verkauft werden, der an einer Generalversammlung die Interessen wahrnimmt», bemängelt ein bekannter Schweizer Verwaltungsrat. «Wir würden eine saftige Busse, die sich am ökonomischen Wert misst, als zusätzliche Abschreckung begrüssen.»

 

© ProLitteris / Lustenberger Marc / Cash