Der Fiskus muss sich mit kleinen Fischen begnügen

Ein nie gesehener Geldregen der Grosskonzerne prasselt in diesen Monaten auf die Schweizer Wirtschaft hinab. Doch nur jeder zehnte Franken dieser Gewinne bleibt in den Netzen der einheimischen Steuerbehörden hängen. Die internationalen Firmen zahlen für ihre Töchter weltweit Steuern. Der Konzernsitz in der Schweiz ist fiskalisch unbedeutend.

Von Marc Lustenberger und Benjamin Bitoun

Grosse Konzerne wie Nestlé, ABB oder Roche streichen bei jeder Gelegenheit ihre Transparenz hervor. Doch beim Thema Steuern stösst die Auskunftsfreudigkeit schnell an ihre Grenzen. CASH wollte von den 24 Konzernen im Swiss-Market-Index (SMI) wissen, wie viel Steuern sie in der Schweiz zahlen. Ausgewiesen wird üblicherweise nur der Gesamtsteuerbetrag weltweit. Die schriftlich eingereichte Frage sorgte offenbar bei einigen Verantwortlichen in den Kommunikationsabteilungen für Aufregung. In den folgenden Tagen trafen zahlreiche Erklärungen dafür ein, weshalb diese Zahl nicht veröffentlicht werden könne: zu kompliziert, zu diesem Zeitpunkt nicht möglich, wird nicht veröffentlicht, sei missverständlich. Doch sieben Konzerne öffneten ihre Steuerbücher in der Schweiz für CASH.

So zahlt etwa die UBS 1,7 Milliarden Franken, der Pharmakonzern Novartis 497 Mio Franken und die Lonza 33,6 Mio Franken. Daraus lässt sich fol-ender Schluss ziehen: Viele Schweizer Grosskonzerne bezahlen weniger Steuern in ihrem Heimatland, als ihre Milliardengewinne vermuten lassen. Nicht erstaunlich ist dieses Resultat für Hans Schneider von der Eidgenössischen Steuerverwaltung: «Die Grosskonzerne erzielen ihre Gewinne vor allem im Ausland.» Dennoch rechnen die Steuerbehörden im ganzen Land mit höheren Einnahmen. In den vergangenen Monaten ist ein nie gesehener Geldsegen auf die Schweizer Wirtschaft niedergeprasselt. Es verging kaum ein Tag, an dem nicht neue Rekordgewinne vermeldet wurden. Gemäss einer Berechnung von CASH erzielten allein die 25 SMI-Konzerne im vergangenen Jahr einen Reingewinn von rund 77 Mrd Franken. Dies entspricht einem Plus von 26 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Den grössten Anteil dazu tragen die fünf Schwergewichte Credit Suisse, UBS, Roche, Nestlé und Novartis mit rund 50 Milliarden Franken bei.

Vom Gewinn fliesst nur wenig in die Staatskassen

So manchem Schweizer Politiker dürften die Äuglein geglänzt haben ob all der Strassen, Turnhallen, Direktzahlungen an den Bauernstand, Solaranlagen und Beihilfen für Kulturschaffende, die sich daraus finanzieren liessen. Und schlaue Journalisten haben sogar bereits errechnet, dass sich damit auf einen Schlag zwei Drittel der Staatsschulden tilgen liessen.

Doch die Realität sieht anders aus: Nur ein kleiner Teil dieses riesigen Gewinns fliesst in Form von Steuern in die Staatskassen. Die Gewinne werden nämlich grundsätzlich dort versteuert, wo sie operativ anfallen. Wer etwa wie die Schweizer Industrieunternehmen einen grossen Teil der Produktion ins Ausland verlagert hat, wird auch den grössten Teil der Steuern dort bezahlen müssen. Gemäss Schätzungen von CASH dürften von den SMI-Unternehmen höchstens sieben Milliarden Franken in Form von Gewinn- und Kapitalsteuern in den Netzen der Steuerverwaltungen von Bund, Kanton und Gemeinden hängen bleiben.

Der grösste Teil davon kommt von den Grossbanken. Alleine UBS, CS und dazu die Bank Julius Bär versteuern rund 2, 8 Mrd Franken. Bei den Finanzhäusern findet der grösste Teil der Wertschöpfung in der Schweiz statt. Doch auch wenn die Grosskonzerne von ihren Rekordgewinnen nur 6 Milliarden Franken Steuern in der Schweiz bezahlen, leisten sie doch fast der Hälfte des Steuereinkommens. Gemäss Zahlen der eidg. Steuerbehörden haben alle Firmen in der Schweiz im Jahr 2004 rund 12,4 Mrd Franken an Steuern bezahlt.

Nicht unter den ganz dicken Steuerfischen findet sich das Schwergewicht Nestlé. Gemessen an der Börsenkapitalisierung ist es zwar das zweitteuerste Schweizer Unternehmen. Weltweit bezahlte er im vergangenen Jahr 3,93 Mrd Franken Steuern. Doch der Nahrungsmittelgigant aus Vevey erzielt weniger als 2 Prozent seines Umsatzes in der Schweiz. Somit versteuert er mehr als 98 Prozent des Gewinns in den ausländischen Tochterfirmen. Hinzu kommen Leistungen, die von den Mitarbeitern in der Konzernzentrale in Vevey erbracht werden, Lizenz- und Markengebühren sowie die niedrig besteuerten Kapitalgewinne der Holding. Unter dem Strich dürfte vom Rekordgewinn von 9,2 Mrd Franken lediglich ein tiefer dreistelliger Millionenbetrag an der Angel der Schweizer Steuerbehörden hängen bleiben. Zusätzliche Gelder fliessen über Dividenden sowie über Löhne und Boni der 8000 Mitarbeiter in der Schweiz in die Kassen des Fiskus.

Zu den grossen Steuerzahlern gehören neben den Banken die Pharmaunternehmen wie Novartis oder Roche, aber auch die Swatch-Gruppe in Biel (siehe Kasten). «Steuern fallen dort an, wo bei Unternehmen grosse Wertschöpfung erzielt wird», erklärt Andreas Staubli, Steuerpartner bei PricewaterhouseCoopers in Zürich. Die Pharmakonzerne aber auch Swatch haben einen wesentlichen Teil ihrer Produktion in der Schweiz und betreiben von hier aus einen grossen Forschungsaufwand. Wo es viele gut bezahlte Arbeitsplätze gibt, fallen tendenziell auch hohe Steuern an.

Innerhalb der Länder, in denen die Konzerne tätig sind, gelten verschiedene Steuersätze. Die Schweiz liegt mit im Schnitt 20 bis 25 Prozent eher tief. Die hohe Kunst der Finanzleute ist es, die Steuerrechnung so zu optimieren, dass ein möglichst grosser Teil des Gewinns zu einem tiefen Satz versteuert wird. Doch viele Steuerschlupflöcher sind unterdessen gestopft, sodass der Spielraum eng geworden ist. Jedes Land möchte hohe Steuern generieren, und entsprechend werden die Steuererklärungen genau geprüft. Der Standort des Hauptsitzes eines Konzerns hat aber keinen grossen Einfluss auf die Steuerrechnung.


Die Steuertricks

Die meisten Tricks, wie Unternehmen ihre Steuerzahlungen optimieren können, sind vollkommen legal. So dürfen etwa Schweizer Firmen ihre Verluste aus vergangenen Jahren ins laufende Jahr übertragen und von ihren Gewinnen abziehen. Dies ist während sieben Jahren möglich. Konzerne wie ABB oder die Credit Suisse, die vor einigen Jahren massive Verluste schrieben, können dies nun geltend machen. Bedeutend ist auch die Verschiebung von Gewinnen ins Ausland - wobei die Schweiz wegen ihrer im europäischen Vergleich tiefen Steuersätze eher davon profitiert.

Ein beliebter Trick ist auch die Fremd-finanzierung, das heisst die Finanzierung eines Unternehmens mit Krediten statt mit Eigenkapital. Eine in der Schweiz ansässige Firma kann sich etwa bei einer zum selben Konzern gehörenden Gesellschaft in einem anderen Land verschulden. Die Schuldzinsen zählen als Kosten und mindern so den Gewinn, den das Unternehmen in der Schweiz versteuern muss. Ähnlich funktioniert der Trick mit Lizenzgebühren für Patente oder Markennamen, die ein Konzern für die Nutzung eines Namens an eine Tochtergesellschaft überweist.

© ProLitteris / Lustenberger Marc / Cash; 29.03.2007; Nummer 13; Seite 8