Die Dealer warten im Netz auf Opfer

Die Pharmaindustrie warnt vor gefälschten Medikamenten im Internet. Doch das ist nicht die grösste Gefahr. Noch nie war es für Konsumenten so einfach, sich mit illegalen Substanzen einzudecken.

Von Marc Lustenberger

Ein Paket, braunes Packpapier, von Hand beschriftet, arabische Schriftzeichen. Der Absender: Mustafa Haider, wohnhaft in Karachi, Pakistan. Die Sendung sieht unscheinbar aus, ihr Inhalt ist potent: 130 Valium-Tabletten zum Preis von 100 Dollar zuzüglich einer Bearbeitungsgebühr von 15 Dollar. Der Weg zum chemischen Glück war einige Mausklicks lang und dauerte rund zwei Wochen. Es wurde kein Arztbesuch und kein Rezept verlangt. Dafür sind die Kunden offenbar bereit, tief in die Tasche zu greifen. In einer Apotheke in Zürich kosten hundert Valium nämlich nur 27.40 Franken.

Über Spammails flattern die Angebote in den elektronischen Briefkasten. Angesprochen fühlen sich neben Medikamentenjunkies und gefallenen Pophelden wie Robbie Williams oder Britney Spears auch Herr und Frau Schweizer. Valium, Ritalin, Viagra, Anabolika und Hunderte von anderen rezeptpflichtigen Substanzen gibt es in den Online-Apotheken gegen Visa-Bezahlung und ohne lästige Fragen zu kaufen. Mit dem Inhalt dieser Pakete beruhigen sich nervöse Hausfrauen, Szenegänger putschen sich auf, müde Herren stehen im Bett ihren Mann, und Bodybuilder helfen ihren Muskeln mit Doping nach.

Seit Jahren warnt die Pharmaindustrie davor, im Internet Medikamente zu bestellen. Die gelieferte Ware sei gefälscht, der Konsum berge grosse Gesundheitsrisiken. CASH wollte wissen, ob das stimmt, und hat getestet. Fünf Bestellungen von Valium bei fünf unterschiedlichen Anbietern im World Wide Web brachten ein unerwartetes Ergebnis. Vier der Pakete kamen aus Pakistan und enthielten Original-Valium von Roche, das gemäss Verpackung in Karachi hergestellt wurde. Die fünfte Sendung aus Griechenland bestand aus dreissig blauen Tabletten, die sich bei einer Analyse von Swissmedic als wirkungslose Fälschungen entpuppten.

Keine repräsentative Menge für eine Studie

Bei der Pharmafirma Roche in Basel zeigt man sich auf Anfrage wenig angetan, der Frage nachzugehen, warum es sich bei vier der fünf Lieferungen um Original-Valium aus ihrer Fabrik in Pakistan handelt. Fünf Packungen seien keine repräsentative Menge für eine Studie. «Wir verkaufen die Medikamente auf legalen Absatzwegen im Allgemeinen an Spitäler, an den Grosshandel oder an Apotheken», erklärt Roche-Sprecherin Martina Rupp. Wie die Ware von dort in illegale Kanäle komme, könne sie nicht sagen.

 Recherchen von CASH hingegen zeigen, dass es sich dabei um einen bekannten Kanal für den Handel mit betäubungsmittelhaltigen Medikamenten handelt. «Die Pakistan-Connection funktioniert offenbar immer noch», sagt etwa Gisela Wieser-Herbeck vom Internationalen Suchtkontrollrat (INCB) in Wien. Vor drei Jahren sei nach einem Rechtshilfegesuch aus Europa ein Arzt aufgeflogen, der massenweise Medikamente verschrieben hätte. Das Resultat des CASH-Tests findet sie durchaus repräsentativ. «Wir schätzen, dass rund 10 bis 15 Prozent der Medikamente weltweit gefälscht sind», sagt Wieser-Herbeck.

Millionen illegale Sendungen in die Vereinigten Staaten

Bei den Internet-Apotheken handelt es sich um ein globales Geschäft mit riesigen Wachstumsraten. Allein in die USA gelangen jährlich rund zehn Millionen illegale Sendungen mit Medikamenten aus dem Ausland. Der Missbrauch von rezeptpflichtigen Medikamenten, begünstigt durch den Vertrieb über das Internet, ist auf dem besten Weg, den Missbrauch von illegalen Drogen zu übertreffen.

«Das sind nicht etwa Louis-Vuitton-Taschen, sondern hochgefährliche Substanzen», sagt die INCB-Sprecherin. In Nordamerika und Europa registrierte der Suchtkontrollrat bereits zahlreiche Todesfälle im Zusammenhang mit Suchtstoffen, die über das Internet bestellt wurden. In den virtuellen Apotheken gibt es ausser Heroin und Kokain alles zu kaufen, was high macht. Gefahr droht auch durch Drogenfreaks, die ihre eigenen Rezepturen kreieren. Sie entfernen mit Anweisungen aus dem Internet die aktiven Wirkstoffe aus Medikamenten und bauen sie neu zusammen, um noch potentere Präparate herzustellen.

Auch in der Schweiz zeigen sich die Behörden besorgt über diese Entwicklung. «Der Trend zum Privatimport nimmt zu. Die Leute bedenken nicht, welchen Schaden sie damit ihrer Gesundheit zufügen können», erklärt Kathrin Wyss, Direktionsmitglied von Swissmedic. Sie schätzt die Zahl der Sendungen in die Schweiz auf mindestens 40 000 pro Jahr. Im vergangenen Jahr wurden vom Zoll 287 verdächtige Arzneimittelsendungen gemeldet. Bei 89 Prozent der Fälle handelte es sich um illegale Einfuhren, die vernichtet oder an den Absender zurückgeschickt wurden. Ausser bei grossen Mengen ist die Einfuhr aber nicht strafbar. Kathrin Wyss hat bei ihren eigenen Recherchen festgestellt, dass es sich bei den illegalen Internet-Apotheken um ein globa - lisiertes Geschäft handelt. «Diese Leute schlüpfen durch sämtliche Gesetzesmaschen. Ihnen geht es nur um Profit», sagt sie. Der Auftraggeber kann in Europa sitzen, der Vertrieb in Pakistan, das Inkasso in der Karibik und die Website in den USA sein. Das Internet ist somit zum globalen Drogenmarkt geworden.

Valium-Bestellung im Internet: Der Pöstler brachte vier Pakete aus Pakistan und eines mit Fälschungen aus Griechenland.

Der Valium-Test

Adressen von illegalen Internet-Apotheken finden sich bei Google zuoberst. CASH hat für seinen Test unter Hunderten von möglichen Anbietern fünf ausgewählt, die Valium im Angebot haben. Die Preise variierten zwischen einem und vier Dollar pro Pille. Die Lieferung mit Express- und normaler Post dauerte sieben bis zwanzig Tage. Eine Analyse von Swissmedic ergab, dass es sich bei den vier Paketen aus Pakistan um Originale handelt. Die fünfte Lieferung aus Griechenland enthielt keine Wirkstoffe. Swissmedic warnt vor Bestellungen über das Internet. In der Schweiz ist Valium nur auf Rezept erhältlich. Das Beruhigungsmittel, das von Hoffmann-La Roche 1963 erstmals auf den Markt gebracht wurde, darf in der Schweiz nur unter ärztlicher Aufsicht angewandt werden. Sein Wirkstoff Diazepam kann bei regelmässiger Einnahme insbesondere psychische, aber auch physische Abhängigkeit hervorrufen.

© ProLitteris / Lustenberger Marc / Cash; 08.03.2007; Nummer 10; Seite 13