«Mit unserem Gewinn kann ich im Winter die Rasenheizung bezahlen»

Im arabischen Emirat Dubai trafen sich Funktionäre und Klubbosse aus aller Welt zur Fussballmesse Soccerex. Aus der Schweiz reiste nur einer an: Christian Constantin, der streitbare Präsident des FC Sion. CASH sprach mit ihm über Geld, Geschäft und Glaubwürdigkeit.

Herr Constantin, was tun Sie hier in Dubai?
Ich wurde vom Organisator eingeladen.

Sie sind weit und breit der einzige Schweizer Klubvertreter.
Erstaunt Sie das?

Nicht wirklich. Aber die Frage stellt sich trotzdem.
Warum die anderen nicht hier sind, weiss ich nicht. Ich präsidiere einen wichtigen Klub mit einem grossen Einzugsgebiet. Das verpflichtet mich, anders zu arbeiten als andere.

Wie anders?
Für viele Leute in der Schweiz dauert Fussball 90 Minuten und basta. Aber um erfolgreich zu sein, braucht es viel mehr. Die Kommerzialisierung dieses Sports ist in vollem Gange, und sie wird weiter zunehmen. Da muss man vorne mit dabei sein und sich ständig über die neuesten Entwicklungen informieren.

Zum Beispiel?
Ich habe erfahren, dass Kunstrasen als Unterlage der Zukunft nicht so unumstritten ist, wie behauptet wird. Offenbar lässt da die technische Entwicklung zu wünschen übrig.

Worauf verwenden Sie am meisten Zeit in Ihrer Funktion als Präsident?
Meine wichtigste Aufgabe ist, zu verhindern, dass die sportlichen Resultate schlechter werden. Ohne den sportlichen Erfolg geht gar nichts.

Doch. Der Trainer.
Den Trainer entlasse nicht ich, sondern der Totomat.

Aber bei anderen Vereinen dauert es in der Regel viel länger. Ihre Trainer dürfen bisweilen keine zwei Monate im Amt bleiben.
Ich bin der Überzeugung, dass man so früh wie möglich handeln muss. Ist erst einmal ein Sandkorn im Getriebe, führt kein Weg zurück.

Schadet dieses Verhalten nicht Ihrer Glaubwürdigkeit? Viele Leute halten Sie deswegen für einen Verrückten.
Mein Image ist mir egal. Schauen wir uns doch den Leistungsausweis an: Im Sommer haben wir den Cupsieg geholt und sind aufgestiegen. Derzeit liegen wir auf Rang 2. Klar, ich habe vier Trainer dafür gebraucht, aber ganz falsch kann die Methode ja auch nicht sein.

Für den sportlichen Erfolg braucht es aber auch Geld.
Mehr noch. Es braucht ein finanzielles Gleichgewicht.

Herrscht das beim FC Sion?
Ja. Unser Budget liegt bei 11 Millionen Franken - und ich nehme mehr ein, als ich ausgebe.

Wie viel bleibt übrig?
Genug, um für den Winter die Rasenheizung zu bezahlen.

Und woher kommt das Geld? Noch vor drei Jahren lag der Verein sportlich und wirtschaftlich am Boden.
Inzwischen gibt es genug Leute, die in den Verein investieren. Langsam wird der FC Sion rentabel. Aber wie bei jeder Firma hat es jemanden gebraucht, der bereit war, sein eigenes Geld in den Verein zu stecken, bis es so weit war.

Wie viel haben Sie investiert?
Ich habe 3 Millionen Franken ausgegeben, um dem Verein wieder auf die Beine zu helfen und eine Lizenz zu erhalten. In den letzten drei Jahren kam noch einmal so viel hinzu.

Geld, das Sie mit Ihrem Architekturbüro verdienen?
Nein, ich habe eine Immobilie verkauft.

Sind sie als Chef Ihres Büros auch so fordernd wie als Klubpräsident?
Jeder, der mit mir arbeitet, muss gute Resultate vorweisen. Ich will gute Projekte, korrekte Arbeit, zufriedene Kunden.

Klingt vernünftig.
Ja, aber es ist nicht selbstverständlich. Wir sind in der Schweiz in Rückstand geraten. Es mangelt uns an Mut, an Kreativität und Intelligenz.

Woran liegt das?
Wir haben kein Selbstvertrauen. Wir sind alles Erben der bedeutsamen und wichtigen Vergangenheit dieses Landes. Und als Generation von Nachkommen kranken wir daran, dass wir uns zu stark mit uns selbst beschäftigen, anstatt den Mut aufzubringen, die Dinge so anzupacken wie unsere Vorfahren.

Apropos Anpacken: Wie steht es mit dem Stadion, das Sie in Martigny bauen wollen?
Wenn wir Mitte 2007 mit dem Bau beginnen können, wird es wie geplant auf 2009 fertig.

Das Grossprojekt steht in krassem Gegensatz zur Realität in anderen Schweizer Städten. Vielerorts wird moniert, schon 10 000 Sitzplätze seien zu viel.
Dann begrenzen wir die Liga halt auf jene Teams, die sich eine solche Infrastruktur leisten können. Die beiden Zürcher Klubs, Basel, St. Gallen, YB, Luzern und Sion. Dann noch einen. Acht Vereine genügen.

Grosse Stadien sind also ein Muss.
Ja, für die kommerzielle Verwertung und um in den europäischen Wettbewerben mitspielen zu können. Nur im Europacup können sich unsere Spieler und Sponsoren dem internationalen Markt präsentieren. Das ist eminent wichtig.

Die Aussicht auf Europa kompliziert aber auch Ihre Budgetplanung. Wie kann man vernünftig wirtschaften, wenn man nie weiss, ob man die Geldtöpfe erreicht oder nicht?
Das ist in der Tat sehr schwierig. Darum fordern ja auch viele europäische Topklubs eine geschlossene europäische Liga. Aber genau deshalb muss ich als Präsident ja nach Parallelaktivitäten suchen, die uns das wirtschaftliche Überleben auch dann sichern, wenn wir die europäischen Wettbewerbe nicht erreichen oder früh ausscheiden.

Sie werden bald fünfzig Jahre alt. Wenn Sie sich drei Spieler wünschen könnten, wen würden Sie nehmen?
Ronaldinho, Cannavaro und Nesta.

Und einen Sponsor.
Die Unicef, wie Barcelona. Denn das würde bedeuten, dass wir so viel Geld hätten, dass wir nicht mehr auf den Sponsor angewiesen sind.

© Hadorn Lukas / Cash; 07.12.2006; Nummer 49; Seite 16