Nicht alle Lügen haben kurze Beine

Die Langnasen: Warum es Firmen und Manager mit der Wahrheit nicht genau nehmen (können). Auf den Chefetagen wird mit der Wahrheit oft sehr locker umgegangen. Börsengesetze, Verträge, Juristen, PR-Berater und die Konkurrenz sorgen dafür, dass vieles im Dunkeln bleiben muss.

Hat er nun gelogen, oder durfte er einfach nicht die ganze Wahrheit sagen? Den Finger eingebunden, liess sich Denner-Chef Philippe Gaydoul seine Nervosität nicht anmerken, als er am Freitag vor die Öffentlichkeit trat und den Verkauf des Discounters an die Migros bekannt gab. Der Druck durch Aldi und Lidl habe den Ausschlag gegeben, lautete seine Begründung. Noch einen Monat zuvor hatte er die Konkurrenz der Discounter heruntergespielt.

Philippe Gaydoul steht nicht alleine mit solchen verbalen Kehrtwendungen: Christoph Franz hatte noch drei Tage vor dem Verkauf der Swiss an die Lufthansa Verhandlungen dementiert. Diese Beispiele machen deutlich: Wenn es um die eigenen Interessen geht, wird in der Wirtschaftswelt mit der Wahrheit sehr selektiv umgegangen. Doch nicht nur dort. Eine Studie zeigt: Wenn zwei Personen zehn Minuten miteinander sprechen, schwindelt jede mindestens zwei Mal. Im soeben erschienenen Buch «Lügen in der Chefetage» von Aiko Bode, Mathias Schütz und Stephan Wirth werden gesammelte Unwahrheiten aus dem Management aufgelistet. Für diese Recherche fragte CASH mehrere Manager, ob sie manchmal für ihr Unternehmen zu Notlügen greifen. Keiner wollte sich dazu äussern.

Wahrscheinlich haben ihnen ihre Kommunikationsberater dazu geraten. Bevor Aussagen eines Managers das Licht der Öffentlichkeit erblicken, werden sie üblicherweise Satz für Satz überprüft. Die Berater stehen oft selber in der Kritik. Bei den Kommunikationsprofis ist man sich einig, dass die Wahrheit das oberste Gebot ist. Und darum dürfen sie nicht lügen, denn so steht es im Ehrenkodex der Branche. Doch im Alltag sind nicht alle so konsequent wie Urs Ackermann von der Zürcher Kantonalbank, der das CASH-Rating der besten Pressesprecher des Landes mehrmals gewann. «Die Glaubwürdigkeit ist mein höchstes Kapital, deshalb würde ich nie lügen», sagt er. Doch wenn er Fragen beantworten sollte, über die er noch gar nicht sprechen darf, dann steht er vor einem Dilemma. «Ich erkläre dann, dass ich dazu noch keine Auskunft geben kann, und verspreche, die Sache intern abzuklären.»

Es wird nicht gelogen und nicht die Wahrheit gesprochen


Direkt gelogen wird in der Geschäftswelt tatsächlich selten, das heisst aber nicht, dass immer die Wahrheit gesprochen wird. Ein Philippe Gaydoul darf auch nach dem Verkauf seines Konzerns an die Migros aus vertraglichen Gründen die Frage nach dem Verkaufspreis nicht offen beantworten. «Darüber haben wir Stillschweigen vereinbart», lautet der Standardsatz. Manager bedienen sich laufend solcher Phrasen, um gegenüber Mitarbeitern, Aktionären oder der Öffentlichkeit ihre Handlungen zu begründen. Für Unternehmensberater Klaus Stöhlker ist das Zurückhalten von Informationen Ausdruck von Machtverhältnissen. Gaydoul dürfe über den Verkauf von Denner nicht die Wahrheit sagen, sonst zerstöre er Firmenwert, sagt Stöhlker. Das sei aber nicht mit Lügen zu verwechseln.

Mit anderen Worten: In unserer Gesellschaft ist das Lügen verpönt, Schönreden und sich im besten Licht darzustellen ist hingegen erlaubt. Noch einen Schritt weiter geht der Kommunikationswissenschafter Klaus Merten. Er behauptet, dass ohne Lügen gar keine Kommunikation möglich sei. «Unternehmen müssen ihre Strategien gegenüber der Konkurrenz schützen. Wer immer die Wahrheit sagt, ist dumm», sagt er. Merten plädiert aber keineswegs für eine Freigabe der Lüge, sondern für den bewussteren Umgang damit. Je nach Kontext kann sie für ihn entweder ein Kavaliersdelikt oder ein Verbrechen sein. Gemäss dieser Logik ist es eine legitime Geheimhaltung von Sachverhalten, wenn Gaydoul über den Verkauf von Denner nicht die Wahrheit sagt.


© Lustenberger Marc / Cash; 18.01.2007; Nummer 3; Seite 10