Unruhe in Neu-Oerlikon

Oerlikon kommt nicht zur Ruhe: Nach dem Abgang von Konzernchef Thomas Limberger droht der Aderlass unter den Mitarbeitern. Viele Manager auf der Führungsetage haben Limbergers Ideen geteilt. Mit dem Physiker Uwe Krüger zieht ein neuer Geist in Pfäffikon ein.

Von Marc Lustenberger

Es war, als hätte George Orwell die Regie geführt. Am Montagabend zuvor wurde die Meldung verbreitet, dass Oerlikon-Chef Thomas Limberger mit sofortiger Wirkung von seinem Amt zurückgetreten sei. Wenige Stunden später waren im Internet auf den Oerlikon-Seiten sämtliche Daten des Deutschen gelöscht worden. An der Generalversammlung am Dienstag sass auf seinem Platz bereits Nachfolger Uwe Krüger, der zu Beginn sichtlich angespannt auf seinen Lippen kaute.

Präsident Georg Stumpf verabschiedete Limberger, der den Konzern erfolgreich umgebaut und ihm neues Leben eingehaucht hatte, mit knappen, kühlen Worten. Doch Limbergers Geist war präsent an diesem gespenstisch anmutenden Spektakel im Kunst- und Kongresshaus Luzern. Mit charmanten Hostessen in Oerlikon-Rot, visuellen Spielereien an den Wänden und feinen Häppchen im Foyer erinnerte der Anlass eher an einen Pop-Event denn an die Generalversammlung eines Konzerns der Maschinenindustrie.

«Kein Kommentar», hiess es bei Georg Stumpf lapidar zu den Gründen für den Abgang Limbergers. Doch ein Insider erzählt, dass der Machtwechsel von langer Hand vorbereitet gewesen sei. Intern hätten die Mitarbeiter bereits Wetten abgeschlossen, wie lange Limberger dem Druck noch standhalte. «Er hat zwar eine dicke Haut, aber dieser Art von Mobbing war auch er nicht gewachsen.» In den Wochen zuvor waren aus dem Stumpf-Tower in Wien pikanteste Details über das Zerwürfnis der beiden Alphatiere in die Medien gesickert: Limberger habe übertriebene Spesen abgerechnet, Limberger sei zu einem Lohnverzicht gezwungen worden und Limberger sei auf der Suche nach einem neuen Job.

«Das Problem war, dass alle diese Geschichten im Kern der Wahrheit entsprachen», erzählt der Oerlikon-Kadermann. Nun fürchtet er wie viele um seinen Arbeitsplatz. «Am Morgen starte ich meinen Computer mit einem mulmigen Gefühl.» Seine Sorge ist berechtigt. Praktisch das ganze dreissigköpfige Kader am Konzernsitz in Pfäffikon wurde von Limberger rekrutiert. Unter diesen dürfte es zahlreiche Abgänge geben. Die meisten sind smarte Jungmanager mit einem Flair, neben der harten Arbeit auch die schönen Dinge des Lebens zu geniessen.

Uwe Krüger ist der neue Geist im Hause Oerlikon

Dass mit dem Physiker Uwe Krüger ein neuer Geist im Hause Oerlikon einzieht, wurde bei seinem ersten Auftritt klar. In einer offensichtlich von langer Hand vorbereiteten Rede an die Aktionäre strich er die Innovationskraft des Konzerns hervor und lobte sein Team. Doch mit seinem Monolog über technische Möglichkeiten von magnetgelagerten Turbo-Molekularpumpen vermochte er höchstens Ingenieure im Publikum in seinen Bann zu ziehen.

Der 42-jährige Deutsche, der mit US-Akzent spricht, wirkt auch im persönlichen Gespräch eher spröde, aber sehr kompetent und freundlich. Zuvor hat er für den deutschen Baukonzern Hochtief die osteuropäischen Geschäfte geleitet, wo er für 6000 Mitarbeiter verantwortlich war. Danach war er für die gleiche Gruppe drei Jahre in Dallas tätig, wo er für die Übernahme von Turner und dessen Integration verantwortlich war. Letzten Herbst lernte er bei einem Bauprojekt in Osteuropa Georg Stumpf kennen, der ihn zu einem Wechsel nach Pfäffikon überreden konnte.

Hier warten auf ihn neben heiklen Personalentscheiden auch zahlreiche Baustellen im operativen Bereich. So rosig, wie es Uwe Krüger in seinem Vortrag vor den Aktionären darzustellen versuchte, sieht es nicht aus. Mehrere Divisionen sind noch nicht dort, wo sie auf dem Höhepunkt des Konjunkturzyklus stehen müssten. Im April hatte CASH zudem publik gemacht, dass in der hochgepriesenen Solarsparte ein Auftrag in der Höhe von 400 Millionen Franken abzustürzen droht. Und auch die Integration von Saurer ist noch nicht vollzogen. Doch bereits arbeitet sein Chef Georg Stumpf, der das Konzernpräsidium mit einem Puzzlespiel zu verwechseln scheint, an weiteren Zukäufen. Neben der deutschen M + W Zander stehen auch Sulzer und Ascom auf der Liste der Kandidaten, die er ins Oerlikon-Reich integrieren möchte. Nachdem er Limberger rausgemobbt hat, steht diesem Vorhaben nur noch ein mächtiger Grossaktionär im Weg.

Es ist der Renova-Vertreter Vladimir Kuznetsov. Als dieser mit 99,5 Prozent der Stimmen in den Verwaltungsrat gewählt wurde, zeigte sein Gesicht kaum eine Regung. Der Statthalter von Viktor Vekselberg in der Schweiz zeigte sich auch höflich distanziert, als er im Foyer des KKL von Ronny Pecik, dem zweiten Wiener Grossaktionär, umgarnt wurde. Es fielen Wörter wie «Sulzer» und «Entscheidung», bevor sich Kuznetsov eiligen Schrittes verabschiedete. Draussen unter dem Dach des KKL warteten Mercedes-Limousinen auf die neuen Herren der Schweizer Industrie, in denen sie mitsamt ihren Leibwächtern verschwanden.

© ProLitteris / Lustenberger Marc / Cash; 10.05.2007