«Was wir in Norditalien erleben, gleicht einer Bananenrepublik»

Zum neunten Mal nimmt der Thurgauer Tribünenbauer Nüssli als Lieferant an Olympia teil. Mehrheitsaktionär Heinrich Nüssli erklärt, inwiefern Turin alles in den Schatten stellt, warum eine Midlife Crisis sein Leben veränderte und wie er in kurzen Hosen zu einem Grossauftrag kam.

Herr Nüssli, Ihre Firma ist zum neunten Mal als Lieferant an Olympischen Spielen dabei. Ist das für Sie noch etwas Besonderes?
Man gewöhnt sich schon daran. Aber persönlich freue mich trotzdem jedes Mal darauf.

Werden Sie nach Turin fahren?
Ja, mit meinem 85-jährigen Vater und meinem 20-jährigen Neffen. Wir gehen als Zuschauer und betreuen nebenbei ein paar Kunden ...

... die wissen wollen, wie gut Ihre Leute gebaut haben.
Die haben gut gebaut. Wir sind ja schon seit Weihnachten fertig. An zwei Orten sind wir Generalunternehmer für alle temporären Baumassnahmen, also Tribünen, Umzäunungen, Zelte usw. Zudem haben wir die Messehalle in ein Eishockeystadion umfunktioniert und für Samsung einen Pavillon gebaut.

Haben Sie unter den organisatorischen Problemen in Turin gelitten, von denen man immer wieder hörte?
Wir haben schon in Russland und in Ägypten gebaut und eigentlich immer gedacht, das wäre schwierig. Aber was wir in Norditalien erleben, gleicht einer Bananenrepublik.

Inwiefern?
Es hapert beim Management und bei der Finanzierung. Im Dezember 2004 war das Organisationskomitee pleite, worauf die Römer Regierung Geld einschiessen musste und ein neues Management installiert hat. Das passte verständlicherweise den lokalen Bauleuten nicht, die schon seit Jahren am Planen waren und plötzlich irgendwelche Grünschnäbel vor die Nase gesetzt bekamen.

Gehören ein, zwei Managementwechsel nicht zum normalen Ablauf solcher Grossevents?
Doch, schon. Aber es gibt daneben auch echte Schikanen. In Bardonecchia, wo wir die temporären Bauten für die Snowboard-Wettbewerbe errichtet haben, gibt es beispielsweise ein lokales Baureglement, das besagt, welche Masse eine Treppe haben muss. Diese Masse sind einzigartig in Europa und trotzen jeder Norm.

Warum ist das so schlimm?
Weil wir für teures Geld neue Treppensysteme bauen mussten, die wir nach den Spielen wegschmeissen können. Und dem OK fehlt leider die Power, die Gemeindeverantwortlichen zur Räson zu bringen. Es wird zwar am Schluss alles funktionieren, aber es ist schon extrem mühsam.

Müssen Sie um Ihr Geld bangen?
Gute Frage. Es ist natürlich nicht lustig, wenn man aus der Zeitung erfährt, dass die Regierung dem OK wieder diesen oder jenen Kredit gestrichen hat. Die Risiken sind gross. Aber abgerechnet wird erst am Schluss, die letzte Zahlung ist entscheidend. Wir können nicht einfach aufhören zu arbeiten, wenn wir Zweifel an der Kreditwürdigkeit des Auftraggebers haben.

Anders gesagt: Sie stecken schon zu tief drin.
So ist das Geschäft. Aber mit solchen Unsicherheiten müssen wir leben können. Und ich bin überzeugt, dass wir am Schluss zu unserem Geld kommen werden.

Wie gross ist der finanzielle Umfang des Turin-Auftrags?
Ein tiefer zweistelliger Millionenbetrag. Es ist der grösste Auftrag, den wir an Olympischen Spielen je gehabt haben.

Wie kommt man eigentlich zu solchen Grossaufträgen? Muss man da massig Leute bestechen?
Es gibt schon Korruption in unserem Geschäft. Aber da haben wir uns immer bewusst rausgehalten. Ich dulde keine Halbheiten und keine Schwarzgeschäfte. Wir sind nicht erpressbar. Aber natürlich lädt man die Kunden mal zu einem Event ein, das machen wir jetzt in Turin auch.

Also doch Bestechung.
(lacht) Nein, das liegt alles im akzeptablen Rahmen, wir bezahlen nicht einmal die Reise. Wir bieten dem Kunden eine Übernachtung in der Mannschaftsunterkunft, ein gutes Nachtessen und eine ordentliche Flasche Wein. Das muss reichen.

Was für Leute haben Sie nach Turin eingeladen? Das OK der Olympischen Spiele von Peking?
Die Chinesen werden in Turin vorbeikommen, das ist in der Tat so. Aber was die Olympischen Spiele in Peking betrifft, mache ich mir keine grossen Hoffnungen.

Warum nicht?
Für die Chinesen ist das eine nationale Mission. Mich würde es nicht verwundern, wenn sie dem Olympischen Komitee im nächsten Jahr sagen: Danke schön, wir brauchen eure Hilfe nicht mehr. Wir wissen jetzt wies geht, wir machen das alles selbst. Und eure Milliarden dürft ihr behalten.

Schreckt Sie auch die Gefahr ab, kopiert zu werden?
Nein. Unsere Bausysteme kann man kopieren, die stehen überall herum. Was wir an Bausystemen haben, können die schon lange.

Was unterscheidet Sie denn noch von den Chinesen?
Wir können den temporären Ausbau besser planen und managen. Wir verstehen, was es an Know-how und Erfahrung braucht, um ein Grossprojekt zu realisieren. Bauen können alle, aber wenn sie Infrastrukturen in einer sehr kurzen Zeitspanne planen und ausführen müssen, dann wird das zu einer sehr komplexen logistischen Aufgabe.

Wie viel Zeit haben Sie in der Regel?
Das ist unterschiedlich. Im Messebau kann es sein, dass wir innert einer Woche einen Stand auf die Beine stellen müssen - mit klimatisierten Büros, anspruchsvollster Beleuchtung und komplexer Audiotechnik. Oft spricht man in solchen Situationen nur noch über die Zeit, nicht mehr über das Geld.

Und das kriegen Sie hin, in nur einer Woche?
Ich sage immer: Wir können in einer Woche ein Sechsfamilienhaus planen und bauen.

Klingt nach dem olympischen Motto: Schneller, höher, stärker! Zermürbt das einen nicht auf die Dauer?
Doch, das kann passieren. Ich selbst bin vor fünf Jahren in eine persönliche Krise geraten. Erst dieser Leidensdruck hat mich gelehrt, dass ich etwas ändern muss.

Was ist passiert?
Das war zur Zeit der Expo in Hannover, im Jahr 2000. Wir waren schon 1995 der erste Lieferant der Expo und sind zusammen mit der Organisation gewachsen. Damals wusste ich noch nicht, dass man zwischendurch auch mal Nein sagen muss - am Schluss hatte unsere Firma elf sehr grosse und komplexe Projekte auszuführen.

Zu viel des Guten.
Absolut. Wir haben zwar «geleistet», wie die Deutschen so schön sagen, aber bei drei Projekten spielten wir unfreiwillig Hauptsponsor und zahlten mit unserem Eigenkapital. Ich war damals sehr erschöpft, ausgebrannt und gereizt. Und dann brach gleichzeitig die Familie auseinander. Meine Frau sagte mir, sie wolle nicht mehr mit mir zusammenleben. Das führte dann zu einer klassischen Midlife-Crisis.

Was macht man in so einer Situation?
Ich ging sechs Wochen nach Australien. Ganz alleine, nur mit einem kleinen Rucksack, und dachte über alles nach. Ich hätte eigentlich mit der ganzen Familie für ein Jahr nach Australien ziehen wollen, wegen der Olympischen Spiele in Sydney, aber schliesslich bin ich alleine gegangen. Es war ein Schlüsselerlebnis für mich, denn ich habe gemerkt, dass sich in meinem Leben schleunigst etwas ändern muss.

Welche Konsequenzen haben Sie gezogen?
Ich habe Verantwortung abgegeben. Ich konzentrierte mich auf die Aufgabe als Verwaltungsrat und beteiligte das Management an der Firma. Dies ist eine gute Lösung, und wir sind seit fünf Jahren sehr erfolgreich damit.

Hatte die Krise also auch ihr Gutes?
Absolut. Ich bin heute sehr glücklich und möchte unter keinen Umständen zurück. Heute habe ich das Privileg, das tun zu können, was ich gerne mache. Ich muss zwar auch noch Dinge erledigen, die mir weniger zusagen, aber nur noch während eines Viertels meiner Zeit, nicht mehr zu zwei Dritteln. Ohne die Krise hätte ich wohl nie zu dieser Lösung gefunden. Und schliesslich hat die Krise indirekt auch noch zu einem neuen Projekt geführt.

Sie konnten nicht allzu lange still sitzen.
Nein, aber das war purer Zufall. Nach meiner Zeit in Australien ging ich für zwei Jahre in die USA. Dort lud mich der damalige Chef der Messe Schweiz an die Kunstmesse Art Basel Miami Beach ein. Ich wusste zwar nicht genau, was die Messe Schweiz da vorhatte, aber ich fuhr hin. Als ich dort ankam, erwartete mich eine Delegation aus CEO, Präsident und Show-Manager.

Die wollten wohl mehr als nur ein Glas Champagner mit Ihnen trinken.
Natürlich. Und ich stand da in kurzen Hosen.

Haben Sie kurze Hosen getragen?
Ja, in Miami ist das nichts Besonderes. Ausserdem hatte ich wirklich gedacht, es gebe lediglich ein Glas Champagner. Aber dann haben wir eine Stunde geredet, und heute sind wir Generalunternehmer für die Logistik der Art Basel Miami Beach.

Konnten Sie sich inzwischen für den Anlass erwärmen?
Absolut. Es ist grossartig, wie es Sam Keller und seine tolle Crew in nur vier Jahren geschafft haben, zum Nabel der Kunstwelt zwischen Feuerland und Alaska zu werden.

Ihrer Firma hat das den Einstieg in den US-Markt ermöglicht.
Es wäre vermessen, das zu behaupten. Wir haben den grossen Zeh im Markt, mehr nicht. Gemäss unserer Strategie wachsen wir ausserhalb unseres Kernmarktes nur opportunitätsmässig.

Wie sieht Ihre Strategie aus?
Wir haben die deutschsprachigen Länder als unseren Kernmarkt definiert, vor kurzem haben wir Spanien dazugenommen. Wir gehen überall hin, aber nur bei guter Gelegenheit.

Welche guten Gelegenheiten bieten sich in den nächsten Jahren an?
Ein wichtiges Projekt ist der Cricket World Cup 2007 in der Karibik.

Baut Nüssli Cricketstadien?
Sie sind nicht die Einzigen, die das lustig finden. Sogar in der eigenen Firma wurde ich belächelt, als ich das Projekt vorstellte. Einige dachten, ich wolle das nur machen, um in Jamaika an der Sonne zu sitzen.

Nein?
Das ist ein grossartiges Projekt. So etwas hat in der Karibik noch nie stattgefunden. Während fünf Wochen wird auf insgesamt acht Inseln Cricket gespielt. Wir haben schon in der Planungsphase intensiv mitgearbeitet und hoffen jetzt, den Auftrag für den Bau einiger der temporären Stadien zu erhalten. Eine Insel wie St. Lucia braucht beispielsweise ein Stadion mit 40 000 Plätzen, um ein Halbfinale austragen zu können. Da bringt es nichts, ein permanentes Stadion zu bauen. Weisse Elefanten gibt es schon genug.

Weisse Elefanten?
So nennt man im Fachjargon die Stadien, die nach einem Grossanlass ungenutzt rumstehen. In Sydney und Umgebung gibt es eine Menge davon.

In Portugal auch. Apropos Fussball: Bauen Sie auch Stadien für die WM in Deutschland?
Ja, aber nicht die Spielstätten, die stehen ja schon. In Berlin bauen wir für Adidas ein Ministadion mit 12 000 Plätzen zwischen dem Reichstag und dem Kanzleramt. Das wird Aufsehen erregen, denn dank Adidas haben wir endlich mal ein genügend grosses Budget, um eine richtig schöne Veranstaltungsstätte zu bauen.

Wie viele solche sportlichen Höhepunkte wollen Sie als VR-Präsident noch erleben?
Ich würde gerne noch fünf bis zehn Jahre weitermachen. Aber es ist mir wichtig, eine gescheite Nachfolgelösung zu finden.

Ist Ihnen Ihr Vater in dieser Hinsicht ein Vorbild?
Ja. Er war 60 Jahre alt, als er die Firma, die er während des Zweiten Weltkriegs aufgebaut hatte, einfach so an mich und meine Schwester verschenkte - mir übergab er das Schweizer Geschäft, meiner Schwester das brasilianische. Das muss man können. Da gibt es andere Patrons, die noch mit 87 jede Schraube selbst bestellen wollen.

Anderseits lässt es sich Ihr Vater auch mit 85 nicht nehmen, an den Olympischen Spielen dabei zu sein.
(lacht) Ja, aber ich glaube, er sagt nun schon zum dritten Mal, dies seien definitiv seine letzten Spiele.

© Hadorn Lukas & Römer Beat / Cash; 09.02.2006; Nummer 6; Seite 24